GebärdenpoesieInterview mit mir selbst
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Es geht nun langsam auf die Aufführung des Paulusoratoriums anlässlich des Kirchentags in Dresden zu. Sie stehen mit einem kleinen Figurentheater, so groß wie ein Kühlschrank, 300 Sängern und 50 Instrumentalisten gegenüber, David gegen Goliath?
Das ist doch eine schöne Herausforderung!
Braucht ein Musikwerk wie das Paulusoratorium von Felix Mendelssohn Bartholdy wirklich eine künstlerische Untermalung? Oder, anders gefragt, was sind die Beweggründe für Ihr Kunstprojekt anlässlich des diesjährigen Kirchentags in Dresden?
Nein, eine künstlerische Untermalung braucht meines Erachtens das Paulusoratorium nicht. Vielmehr interessiert mich eine Gegenüberstellung von Musik und Bild. Hier ist Bild keine bloße Untermalung, sondern Illustration im ursprünglichen Sinne, abgeleitet vom lateinischen Wort illustrare: „erleuchten, erklären, preisen“. Diesem Anspruch folgend, interessiert mich das Paulusoratorium als Gesamtwerk, welches eher predigt als erzählt. Überdies habe ich mir die Frage gestellt, wie ich dieses Oratorium erfahren kann, wenn ich es nicht höre. Angeregt wurde das Paulusprojekt durch den sächsischen LKMD Markus Leidenberger, der die musikalische Leitung inne hat. Übrigens handelte es sich auch für Mendelssohn bei seiner Komposition um ein Auftragswerk.
Welche künstlerischen Ausdrucksmittel haben Sie gewählt um sich gegenüber der Musik zu behaupten?
Immerhin stehen Ihnen bei der Aufführung an der Elbe im abendlichen Dresden über 350 Musiker gegenüber. Ganz im Geiste von William Kentridge gehe ich von der Zeichnung aus, auch wenn sie in einem Prozess zu sehen ist, welcher Elemente des darstellenden Spiels trägt. Zum Schluss ist alles wieder Zeichnung. Der Rahmen, in dem meine Bilder agieren, bildet ein Figurentheater, welches ein Schattenspiel mit Silhouetten integriert. Wichtig ist mir, dass das Spiel sowohl vor als auch hinter der Schattenwand verfolgt werden kann – ähnlich dem indonesischen Schattenspiel. So möchte ich in eine Welt des Durchleuchtenden vordringen, mich zwischen Materialität und Spiritualität bewegen. Bedeutend ist für mich dabei auch das gesamte Ambiente der Aufführung, welches im Sinne von Gadamer erlauben soll, Kunst als Spiel, Symbol und Fest zu erleben. Sie sind mit ihrem Figurentheater für das Paulusprojekt durch Amerika gereist. Wie wird sich das in ihre Aufführung einbinden? Nicht nur haben wir die Reise filmisch dokumentiert, wir waren sozusagen mit „Paulus on a mission“: Das Theater reiste samt seiner Akteure durch den Südwesten der U.S.A., angefangen mit Aguire Springs in den Bergen von Las Cruces, über die Gipssanddünen von White Sands, zur Westerntown Tombstone und den Rolling Rocks der Dragoon Mountains, hin zur Indian Mission San Xavier und das Montezuma Indian Castle, gefolgt von der Sin City Las Vegas, über das sengend heiße Death Valley, schließlich an die nebelumwobene Pazifikküste bei Berkeley zu David unserem Paulusdarsteller.
Wer ist David?
Als Kind verlor David sein Augenlicht, studierte später Psychologie und promovierte über „The Feeling ofGuiltoftheDisabled“. Heute arbeitet er als Psychologe vor allem mit körperlich behinderten Menschen. David war das erklärte Ziel unseres Reisetheaters. Für ihn wurde es als Formenwelt zurückliegender Ereignisse tastend erfahrbar. Dabei entdeckte er sein eigenes Spiel und füllte einen Paulus der Gegenwart mit nach innen gerichtetem Sehen und Erkennen: „I see“. David wird das Oratorium beschließen: Was für Paulus wegweisend war, hat zeitlose Bedeutung.
Ich will mal ganz direkt fragen, Pasolini hatte ein Drehbuch zu einem nie verwirklichtem Projekt: „Der heilige Paulus“. Sehen Sie Parallelen zu ihrer Arbeit?
Ein Unterschied wird hoffentlich sein, dass unser Paulus umgesetzt wird. Bei Regen allerdings fällt das Projekt ins Wasser. Also, was macht Pasolini? „Die poetische Idee, die diesen Film wie ein innovativer Leitfaden durchzieht, besteht darin, die Lebensgeschichte des heiligen Paulus auf heutige Zeiten zu übertragen.“ Das heißt nicht, dass er den biblischen Text veränderte! Er transformiert die gesamte Welt des Paulus inklusive der wesentlichen Schauplätze und Akteure in die Zeit eines Pasolini der 1960er Jahre. Was machen wir? Pasolini überträgt die Welt des Paulus in seine Gegenwart. Entsprechend haben wir die Reisen des Paulus in den Südwesten der USA verlagert. Es ist ein Land der Kontraste, von einer landschaftlich dominierten Welt der Wüstensteppe bis hin zu einer städtischen Dekadenz eines römischen Reiches der Neuzeit. Eine Transformation der Geschichte mit all ihren Widersprüchen erleichtert die Erfahrbarkeit. Andererseits ist mir als Künstlerin auch das zeitlos Archetypische ein Anliegen und zwar in Form einer universellen Kommunikation und Darstellung: Asien ist die Wiege vieler Kulturen und Kunstformen; eine davon ist das Schattenspiel, worin sich Dies- und Jenseitiges schon verbindet.
Ist Paulus heute überhaupt noch aktuell?
Bei der Auseinandersetzung mit Paulus geht es Pasolini nicht allein um eine religiöse Thematik, vielmehr beschäftigt ihn auch eine politische Dimension bis hin zur „Begründung des Universalismus“ durch Paulus. Diesem brisanten Aspekt hat der französische Philosoph und Sozialist Alain Badiou eigens ein Buch gewidmet. Übrigens lässt Pasolini seinen Helden zur Verbreitung der Botschaften aus dem Untergrund operieren. Die Aktualität von Pasolinis Helden gilt auch für meinen Paulus; lassen wir also Pasolini sprechen: „ Warum sollte ich seine irdische Lebensgeschichte in die heutige Zeit versetzen wollen? Ganz einfach: um meinem Eindruck und meiner Überzeugung von ihrer Aktualität auf die direkteste und eindringlichste Weise cineastisch Ausdruck zu verleihen. Um, in anderen Worten, dem Zuschauer explizit und ohne ihn zum Nachdenken zu zwingen mitzuteilen, dass der heilige Paulus hier, heute, unter uns ist und dass er fast physisch und materiell ist. Dass er sich an unsere heutige Gesellschaft richtet; dass sie es ist, die er beweint und liebt, die er bedroht und der er verzeiht, die er angreift und zugleich zärtlich umarmt.“
Welchen Stellenwert spielt dieses Projekt in ihrem bisherigen Schaffen?
Es gibt für mich zwei brennende Leidenschaften in meiner Kunst: die nomadischen Streifzüge und die Wandlung im Durchscheinenden. Hierbei möchte ich betonen, dass ich beide Passionen als bildende Künstlerin erlebe. Auf meinen nomadischen Streifzügen sammle ich als Malerin Reiseportraits und Eindrücke mit Vorliebe für zoologische Gärten; die Wandlung des Durchscheinenden suche ich vor allem in den weltweiten Traditionen der Silhouetten-Kunst. Und nun raten Sie mal, wozu das Paulusprojekt gehört? – Ein Meilenstein um die Silhouetten-Kunst ist für mich 2004 „Der Wolf auf leisen Sohlen“. Es handelt sich dabei um mein Silhouetten-Spiel zu „Rotkäppchen und der Wolf“, in welchem ich zusammen mit gehörlosen Jugendlichen zwei visuelle Sprachen gegenüberstellte: die Gebärdensprache der Jugendlichen und die Zeichensprache der Silhouetten-Figuren. Musik spielte bei dieser Aufführung überhaupt keine Rolle. Hingegen wird der indianische Mythos „Der Schmetterlingsmann“ aus dem Jahre 2009 förmlich von der Musik getragen. „Der Schmetterlingsmann“ entfaltet sich aus einem überdimensional großen Popupbuch. Seite für Seite schlägt man sich in eine andere Welt des Mythos. Das Popupbuch lädt zum Spiel ein. Es gibt einen Raum vor, lässt zugleich dem Spiel freien Lauf. Die Geschichte hat zwei Darbietungsformen: als Film mit hinzu komponierter Musik und als Aufführung mit musikalischer Improvisation. Beim Film ist das Bild Vorlage für die Musik, während bei der Aufführung des Silhouetten-Spiels sich Musik und Bild gleichzeitig entwickeln: Inwiefern hatte hier die Musik die Aufgabe das Spiel zu untermalen? Daraus wuchs in mir die Neugier, ob es möglich ist, eine Aufführung zu gestalten in der Bildende Kunst und Musik gleichberechtigt gegenüber stehen und miteinander kommunizieren. Et voila: Der Pianist der Aufführung, Prof. Dr. Stefan Schmidt arbeitet nun zusammen mit mir am Paulusprojekt. Seit zwei Semestern leitet er das interdisziplinär gestaltete Seminar „Mathematik, Musik, Kommunikation“ am Institut für Algebra der TU Dresden.
„Musik und Mathematik, das hat man ja schon oft gehört- aber was hat das mit dem Paulusprojekt zu tun?
Im Seminar versuchen wir Musik mit mathematischen Mitteln zu analysieren, auch in Hinblick auf Musik als Mittel der Kommunikation. Das Spektrum der Betrachtung reicht von der Hörphysiologie über physikalische Beschreibungen, kompositorische Aspekte und Visualisierung von Musik, bis hin zu Ausdrucksformen der Musik sogar für Gehörlose. Eine aus dem Seminar hervorgegangene wissenschaftliche Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit Anwendung der Erkenntnisse auf das Paulusprojekt. Als Bildbeispiel aus dem Seminar ist das von Immanuel Albrecht erarbeitete Zeitgerüst zum Lichtchoral des Paulusoratoriums angefügt. Es zeigt das hierarchische Rückgrat des Chorals in seinem musikalischen Ablauf.
Visualisierung Lichtchoral (F.Mendelssohn)
Sie arbeiten also oft interdisziplinär. Welche Stärke sehen Sie im Interdisziplinären und welche Erfahrungen verbinden sie damit?
Hm. Ich mag interdisziplinäre Projekte, wenn sie kommunikativ sind, sich also gegenseitig in ihren Disziplinen weiter bringen, als Stärkung der eigenen Disziplin, nicht aber als Ergänzung. Dabei ist für mich von besonderer Bedeutung die Wertschätzung der gegenseitigen Expertise, was umgekehrt eine gewisse Selbstbeschränkung einfordert: Obwohl ich mich in eine andere Disziplin reinversetzen kann, beschränke ich mich als Profi auf mein eigenes Gebiet. Natürlich obliegt es mir als Dramaturgin für das Zusammenspiel der einzelnen Facetten verantwortlich zu sein. Konkret heißt das auch für dieses Projekt, dass der Dirigent die Musik leitet und ich als Künstlerin das Bild setze, genauso, wie der musische Mathematiker die Musik mit mathematischen Mitteln darstellt. Verankert in der jeweils eigenen Disziplin kommunizieren wir nach außen. Das ist manchmal gar nicht so einfach und fordert den Dramaturgen, dass sich alles trotzdem zu einem Ganzen verwebt. Das ist ja Ziel.
Fühlen Sie sich durch das Paulusprojekt künstlerisch bereichert?
Was ist denn das für eine tiefsinnige Frage?! Künstlerisch ist es oft ein naives Entdecken: Haben sie je beobachtet, dass der Dirigent ein Bild vor sich liegen hat: die Partitur. Die erste Bewegung des Dirigenten geht nicht vom akustischen Ton aus! Er tanzt sozusagen zu der nach innen gehörten Musik. Die Idee, ein Bildwerk von einem Hörwerk zu schaffen, vielleicht sogar Musik für Gehörlose erlebbar zu machen, ist wohl doch nicht so abstrakt, wie es zunächst erscheint.
Was bleibt nun noch zu sagen?
Mach Dich auf, werde licht. – Rise! up! arise! Riseandshine! Dies zitiert nicht nur den Lichtchoral des Paulus-Oratoriums, sondern ist auch eine Einladung an alle, die durch ihr Dabei-Sein die Aufführung beleben. Ja, wer neugierig auf das Projekt geworden ist, kann auch im Internet den weiteren Werdegang verfolgen. Das Paulusprojekt finden sie auf der Webseite www.paulus2011.de
33. Evangelischer Kirchentag 2011 in Dresden, am 2. Juni, 20.30 Uhr, im Anblick der Brühlschen Terrasse. Wenn es nicht regnet beginnt das Oratorium dort pünktlich zum Sonnenuntergang. Und mit Einbruch der Dunkelheit auch das Silhouetten-Spiel.